Die
Vorlesungs-Beschreibung
1. Motiv/Begründung: Bildung am ‚Ende der Leiter’
Bildung und Entwicklung werden von modernen empirischen Wissenschaften meist
wie eine Leiter beschrieben. Heranwachsende nehmen eine Sprosse der Denk-,
Urteils- und Gefühlsfähigkeiten nach der anderen... Sofern diese Metapher
überhaupt Sinn macht, was machen wir (junge und alte) Erwachsene, wenn wir
an einem bestimmten Punkt die letzte Sprosse genommen haben und
gewissermaßen über sie hinaussteigen? Wie macht man einen Schritt
jenseits der Leiter – und dies gewissermaßen in einem freien Fall der Leere,
in welchem ich realisiere, dass ich weder drinnen noch draußen und nicht
mehr unten oder oben bin? Was kommt noch, wenn ich realisiere, dass ich
zwar einen Körper und Gefühle (,unten’) sowie Moral und Verstand (‚oben’)
habe, aber diese nicht bin? Was ist das, was meiner Bildung Gang und
Freiheit, Geschichte und Gewahrsein gibt? Und was bedeutet solch ein
Bildungsgang in Zeiten der Globalisierung und Modularisierung, denen die
Mehrzahl der pessimistischen (Stern-) Deuter attestieren, dass sie nicht
mehr zur ‚Freisetzung der menschlichen Potentiale’ und der ‚Erzeugung des
Genius’ (Friedrich Nietzsche), also des Widerspruchs und Freigeistes
beitrage, sondern zur Fabrikation von Schein- und Punkte-Studierenden, Fach-
und Flachmenschen, die meinen, „sich hinter erborgten Manieren und
übergehängten Moden (Meinungen) verstecken“ zu müssen....
2. Inhalt: Bildungsgang zwischen Integration und
Bodenlosigkeit
Die Grundlage dieser Veranstaltung bildet ein recht
umfangreicher Reader mit Texten, die das Wechselverhältnis zwischen
individueller Entwicklung (Noam/Kegan, Kohlberg), Evolution (Wilber,
Habermas) und gesellschaftlicher Veränderung (Morin, Beck) thematisieren.
Auf dieser Grundlage wollen wir untersuchen, ob die Metapher des
Zu-Sich-Selbst-Kommens (‚Werde der du bist’), des Seins, durch eine
andere, des Werdens, des Sich-Selbst-Veränderns ergänzt werden muss. Auf
neuer Zeithöhe greifen wir Nietzsches und anderer Frage nach der
Weiterentwicklung des Menschen, ‚über die Leiter hinaus’, auf:
Weiterentwicklung des Kindes und Heranwachsenden zwischen (abstrakt
formuliert) Selbst-Identität und Identitätskrise, weitere Geschichte der
Erwachsenen zwischen ‚zentaurischer Integration’ und ‚Verzweifeln an der
Bodenlosigkeit menschlicher Existenz’ (so vor fünfzig Jahren Heidegger
und Erikson) und damit der Weiterbildung pädagogischer Studierender und
Professioneller zwischen Engagement und Burn-out.
3. Vorgehen: ‚Interactive Lecturing’
Die Veranstaltung ist als Vorlesung angekündigt, da sie sich
im Kontext modularisierter Studiengänge, von vornherein auf eine Masse
Teilnehmer methodisch und inhaltlich einstellt. Aber auch eine Masse
Studierender kann und will ernst genommen und intelligent gefordert werden.
Daher verläuft jede Sitzung, im Prinzip, in Form einer ‚interaktiven
Vorlesung’: (1) Auflösung der Experimente, Übungen und Aufgaben der letzten
Sitzung (10 Minuten) (2) Dichter Dozenten-Diskurs (30 Minuten) (3)
Performances durch Studierende (30 Minuten) – verbunden mit Referat (3
Punkte), Hausarbeit (4 Punkte) oder Feldforschung (5/6 Punkte) sowie (4)
Vorstellung neuer pädagogischer Experimente, Übungen und Aufgaben (20
Minuten).
Modus der Veranstaltung ist nicht Lernen sondern
entdeckendes Lernen und forschendes Studieren. Das heißt, es werden
nicht vorweg Ziele, Themen und erstrebte Leistungsergebnisse
säuberlich-biederlich gepowerpointet, sondern diese sollen von den
Teilnehmern im Verlauf jeder Veranstaltung selbst erschlossen und am Schluss
ausgetauscht und ausgewertet werden. Auch Studierende, die zunächst in Ruhe
gelassen werden und einfach zuhören wollen, sind selbstverständlich
willkommen. Sie können im Verlauf und am Ende der Veranstaltung neben dem
Teilnehmerpunkt, Punkte für Befragungen (trivial: 1, nichttrivial:2) sowie
für sonstige abzusprechende Leistungen erwerben. Im Gegensatz zu manchen
meiner ‚marktoffenen’ Veranstaltungen setze ich hier regelmäßige
interessiert-disziplinierte Mitarbeit, Lektüre und Aufgabenbearbeitung
voraus. Vorbewusste Dämmerzustände in Form von Handy-Konversation und
nadann-Konsultation werden in der Anfangsstruktur der Lehrveranstaltung
empfangen und dann in den Rhythmus eines aufmerksamen wachen Studierens
einbezogen. Bei mangelhaftem Befolgen dieser Regel ist mit Todesstrafe nicht
unter fünf Jahren zu rechnen.